Neurasthenie und Fibromyalgie

Ist Fibromyalgie die „Neurasthenie“ des 19. Jahrhunderts?

Das chronische Müdigkeits-Syndrom (CFS) sowie das Fibromyalgie-Syndrom (FMS) weisen folgende Leitsymptome auf:

  • Müdigkeit/Erschöpfung und generalisierten Muskelschmerz auf.
  • Zusätzlich werden diese Krankheitszustände von vielen vegetativen, funktionellen und psychischen Symptomen begleitet.

Diese Symptome wurden erstmals im 19. Jahrhundert von Beard beschrieben und als eine Neurose mit dem Namen „Neurasthenie“ begriffen. Die dort beschriebenen Symptome wie „… allgemeine Schwäche, Reizbarkeit, Kopfweh, Depression, Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und mangelnde Fähigkeit, Freude zu empfinden …“ (ICD 10 in Peter A. Berg. S. 3), die mit dem heutigen Fibromyalgie-Syndrom übereinstimmen. Chronische Leistungsschwäche, generalisierter Schmerz, viele Funktionsstörungen und vegetative Symptome sind die heutigen Diagnosekriterien des alten Krankheitsbildes.

Neurasthenie tritt in zwei Formen auf, die sich überschneiden können. Zum einen treten die Leitsymptome, gefolgt von funktionellen und vegetativen Symptomen nach geistiger Anstrengung auf, zum anderen nach geringer körperlicher Anstrengung. Bei beiden Formen ist Entspannung nur schwer oder gar nicht möglich.

Ein bekanntes Fallbeispiel ist Rahel Varnhagen (1771-1833), dokumentiert von Carola Stern: Der Text meines Herzens: Das Leben der Rahel Varnhagen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1994

In ihren Briefen an Freunde schreibt Rahel von „… Schmerzausbrüchen, Kopfschmerzen, Erbrechen, Halsweh, Gliederschmerzen, Brustkrämpfe und Atemnot (…) Nervenschmerzen und Fiberanfällen (…) Die Briefe müssen unterbrochen werden, weil ihr plötzlich schwindelt; (…) weil sie die Feder nicht mehr halten kann. Oft liegt sie wochenlang im Bett.“ Peter A. Berg erkennt in dieser Beschreibung Migräne und einen schweren Rheumatismus, „der sich mit heftigem Fiber auf Muskeln und Nerven legt. Die Schmerzen ziehen vom Rücken ins Genick, strahlen von dort auf die Arme aus und befallen von der Hüfte abwärts, das ganze rechte Bein“ Rahel beschreibt auch eine starke Wetterfühligkeit, mit verstärkten Symptomen, die sich bei warmen, trockenen Wetter besserten. (Carola Stern in Berg S. 3).

Quelle: Peter A. Berg. Hrsg.: Chronisches Müdigkeits- und Fibromyalgie-Syndrom S. 3-4; Springer Verlag Berlin, Heidelberg 1999, 2003

„… 1833 verschlimmert sich das Leiden von Rahel (62), was sie das ganze Leben schon mit sich trägt. Schwindel, Migräne und Krampanfälle. Was sie schon so oft ans Bett gefesselt hatte, wird auch Ihr Tod sein. Sie stirbt am 7.März 1833 …“
Quelle: https://freie-referate.de/deutsch/zusammenfassung-carola-stern

Damals gab es noch keine Psychoneuroimmunologie, die diese Symptome bzw. Syndrome mit Störungen der Zusammenarbeit zwischen dem autonomen Nervensystem, dem endokrinologischen System und dem Immunsystem erklärt. Die Medizin dachte noch in zwei Kategorien, die erkranken können. Der Körper oder die Psyche, eine falsche Denkweise, die leider heute noch vorherrscht. Krankheiten und Symptome, denen keine körperlichen Ursachen zugeordnet werden können, müssen damals wie heute psychischer Natur sein. Die Fibromyalgie kann weder erklärt noch behandelt werden, weil die Steuerungsorgane des Körpers nicht mitgedacht werden. Diese können ebenfalls erkranken oder gestört sein und die Vielfalt der Beschwerden von Fibromyalgie hervorrufen.

Berg vertritt die Ansicht, dass die Symptomatik der Fibromyalgie die genetischen, individuellen Fähigkeiten des neuroendokrinen-limbischen Regelsystems widerspiegelt, das auf psychischen und physischen Stress reagiert. Diese körperlichen, biochemischen Reaktionen lösen Störungen aus, die sich zurückbilden können, wenn die auslösende Ursache nicht mehr besteht. Infolge einer dauerhaften Stresseinwirkung können die Störungen chronisch werden, aber reversibel bleiben.

Die heute in Vergessenheit geratene Diagnose Neurasthenie entspricht auch meiner Einschätzung nach der heutigen Fibromyalgie. Sie kommt aber erschreckend häufiger vor, als im 19. Jahrhundert. Dies führe ich auf unsere hektischen, ruhelosen Zeiten zurück, die seit der industriellen Revolution immer schnelllebiger werden und alle Lebensbereiche mit hochgradigen Stressfaktoren belasten. Dauerstress führt zu Störungen in den Steuerungssystemen unseres Körpers, wie schwer, ist sicher auch von genetischen und individuellen Faktoren abhängig ist. Im Gegensatz zu Berg habe ich die Erfahrung gemacht, dass nicht jede so entstandene Störung wieder reversibel ist. Und zwar dann, wenn sich unheilbare Erkrankungen entwickeln, z. B. Autoimmunerkrankungen, die das Immunsystem dauerhaft fehlleiten. Gute Therapien sind aber auch hier möglich.

Funktionsstörungen wie Magen/Darm, Schmerzen in Muskeln, Gelenken, Nerven und viele vegetativen und psychischen Beschwerden wie Migräne, Schwindel, Kreislauf, Reizbarkeit, Ängste, Depression etc. können allerdings stark gebessert werden oder ganz verschwinden, wenn die Grunderkrankung, die hinter den Fibromyalgie-Symptomen steckt, behandelt wird. Belastbarkeit und Stresstoleranz bessern sich ebenfalls, können aber auch Schwachstellen bleiben. Je früher die „Fibromyalgie“ gestoppt werden kann, desto besser und ganzheitlicher bilden sich die Symptome zurück.